„Mutterle, gelt, nur noch zweimal schlafen, dann ist Ostern?“
Kleine Hannele fragt und schmiegt sich zärtlich an das Knie der Mutter.
Aber die verhärrte Frau sieht kaum auf. Beide sitzen am Fenster der einfachen Stube. In der Ecke steht der mächtige Webstuhl einsam und verlassen. Auf der Dorfstraße schnattern die Gänse, aber das Kind mag nicht hinausblicken. Seine Gedanken sind bei dem kommenden Fest.
„Sag doch, Mutter“, drängt die Kleine von neuem, „bekomme ich auch etwas vom Osterhäschen?“
Die Mutter streicht ihr sanft über das Haar. „Ach, Hannele“, sagt sie endlich, „du weist doch, dass Vater schon lange keine Arbeit hat. Wenn der
Webstuhl stillsteht, ist es schwere Zeit. Erst müssen die drei Kleinen etwas bekommen. Du als die Älteste wirst dich bescheiden müssen. Auch wir Großen müssen ja verzichten. Vater kann sich auch das Rad nicht kaufen, um in die Stadt zur Arbeit fahren zu können. Es ist sein größter Wunsch.
Wenn er nur einen Käufer für die schöne Divandecke fände, die er gewebt hat.“
Hannele nickt gedankenvoll. Sie ist ein Mädel von sechs Jahren. Zwei blonde krause Zöpfchen hängen ihr auf beiden Seiten über die Schultern. Blauaugen blinken in dem klugen Gesichtchen. Als sie die Mutter so sprechen hört, wird ihr Ausdruck bekümmert. Das Mädelchen sinnt und sinnt: Gibt es keinen Ausweg aus all den Sorgen?
“Du Mütterle“,stößt sie plözlich hervor, „ich komme doch jetzt, nach Ostern in die Schule. Kann ich nicht auch ein bißchen verdienen helfen, weil ich dann schon groß bin ?“
„Möglich wäre das schon“, die Mutter lächelt. “In manchen Dörfern gehen die Kinder in den Wald und suchen Blumen, Pilze und Beeren. Die verkauft dann die Mutter in der Stadt. Von hier aus aber ist es zu weit, in die stadt zum Markt zu gehen. Aber nun zerbrich dir dein Köpfle nicht mehr. Es wird schon wieder besser werden, dass Vaters Wunsch erfüllt wird. Jetzt spring und sieh nach, ob Peterle schon wach ist.!“
Gehorsam läuft die Kleine hinaus. Der Tag ist lang und hat viele Pflichten für das Hannele, so klein es auch ist. Aber es hat das Gespräch vom Morgen nicht vergessen. Als es am Abend in seinen Bettchen liegt, besinnt es sich noch einmal auf die Worte der Mutter. Für sich selbst ist es ganz bescheiden geworden. Nur einen wunsch hat es noch: Geld zu verdienen, damit Vater zu Ostern das Fahrrad kaufen kann. Andere Kinder können im Wald Blumen und Beeren suchen, überlegt es im Einschlafen.
Schon wollen ihm die Äuglein zufallen. Da sieht es halb im Traum den großen Buchenwald, der das Dorf umschließt. Zwischen den Stämmen schimmert es gelb von ungezählten Schlüsselblumen. Oh, Hannele wußte es wohl, jetzt im Frühjahr, da blühen sie wieder. Wenn sie einen ganzen Korb pflücken und Sträußchen davon binden würde?
Aber die Stadt und der Markt waren so sehr weit – Plötzlich weiß sie es!
Sie wird sich mit den Blumen an die große Autostraße stellen, die nahe an ihrem Dorfe vorbeiführt. Und dann werden alle die vielen Wagen anhalten
und die Fremden ihr die Blumen abkaufen, und das Geld – das viele ,viele Geld – – – Da hatte ihr das Sandmännchen die Augen geschlossen. – – –
Am andern Morgen scheint die Sonne besonders hell und schön. Kein Wölklein steht am Himmel. Das Hannele bittet und bettelt so lange, bis es zur Ahne gehen darf. Aber nur ein ganz kleines Weilchen bleibt es dort, denn es will ja noch in den Wald. Ein leeres Körbchen hat es heimlich mitgenommen. Bald stapft es mit seinen derben Stiefelchen über den moosigen Teppich. Wo das Grün am dichtesten ist, da nicken die gelben Schlüsselblumen auf schlanken Stengeln. Und das Kind bückt sich viele Male bis das Korb ganz gefüllt ist.
Sehr müde setzt es sich an den Rand einer Wiese, bindet zierliche kleine Sträußchen und trippelt dann der Straße zu.
Von fernher höhrt es die vorbeifahrenden Wagen. Sein kleines Herzfängt an ganz schnell zu klopfen, so freut es sich. Bald werden die Fremden sie sehen und anhaltenund ihre Sträußchen kaufen. Flink läuft Hannele.
Endlich steht es am Rand der großen Autostraße, hebt ein Sträußchenhoch und wartet. Das erste Auto kommt, ein großer , hellbraunen Wagen. Von weitem ist er ganz kleinsichtbar, dann braust er heran und – -fährt vorüber.
Ein kleiner, Zweisitzer folgt.
„Rrrr—st“!ist er vorbei.Keiner der Fahrer achtet auf den kleinen Blond-
kopf am Wege. Mit ihren Kinderhändchenhält sie bittend die zarter Frühlingsblüten empor. Und das liebe Gesichtchen, das erst freudig war, wird traurig. Aus den Blauguckerchen fallen nun dicke, runde Tränen.
Solch ein Dummerchen war das Hannele noch. Es glaubte, die Fahrer würden seinetwegen anhalten, und der Erlös für die Blümchenkönnte reichen, dem Vater ein Fahrrad zu kaufen.Leise beginnt es zu schluchzen, weil sein einzigerOsterwunsch sich nicht erfüllen wollte.
Da – jetzt kommt ein gläntender , schwarzer Wagen – und winken sie ihm nicht aus dem Fenster? Das Kind springt vor – stolpert – –
Im selben Augenblick ertönt ein heller Aufschrei !Die Bremsen knirschen, der schwarze Wagen steht.
Im Graben liegt das Hannele zusammengekrümmt. Das Auto hat es zur
Seite geschleudert. Vor Schreck ist es stumm. Hilfreiche Hände richten es auf. Es steht auf unsicheren Füßen, sieht sich ängstlich um. Ein Herr und eine Frau bestürmen es mit erschreckten Fragen: Ob es Schmerzen habe, ob es laufen könne ?
Das Kind nickt. Aber auf einmal sieht es im Straßenstaub sein zerstörtes Körbchen liegen. Die gelben Sträußchensind alle zerquetscht und verdorben. Ganz jäh fängt es an laut zu weinen: „Meine Blumen, meine lieben Blumen! Jetzt werde ich kein Geld bekommen und kann Vater kein Fahrrad kaufen !“Nach langen ,gütigen Zureden erzählt Hannele der freundlichen Frauihr ganzes Unglück: Der Webstuhl stehe daheim still, und sie habe dem Vater ein Fahrrad verdienen wollen.
Das fremde Ehepaar bespricht sich leise. Schließlich nimmt die Frau Hannele an der Hand und steigt mit ihm in den Wagen.
Das arme kleine Hannele fühlt sich wie im Traum. Stolz fährt es in dem großen Auto zurück ins Dorf. —
Vater und Mutter sitzen sorgenvoll am Tisch. Wo nur das Hannele bleibt?
So lange ist das Kind noch nie bei der Ahne geblieben. Jetzt hören sie das Geräusch eines heranfahrenden Autos. Erschreckt horchen sie auf. Aber da öffnet sich schon die Tür. Das Hannele stürmt herein an der Hand einer fremden Frau. Bunt durcheinander erzählt es von den Blumen, dem vielen Geld und dem Unfall. Endlich berichtet das Ehepaar selbst und stellt dann Fragen. Bereitwillig geben Hanneles Eltern Bescheid.
Sehr bald wissen die fremden von der Not, die in den kleinen Bauernhaus
herrscht. Da zieht die Fremde das Hannele dicht zu sich heran und sagt:“Weil du solch ein lieber, kleiner Blondkopf bist und nur an deine Eltern dachtest, soll die auch dein einziger Osterwunsch erfüllt werden.
Wie haben in der Stadt ein Fahrrad, das nicht mehr gebraucht wird. Dein Vater mag es ganz umsonst bei uns abholen. Und die Wunderschöne Divandecke , die uns deine Mutter zeigte, die werden wir jetzt kaufen.Wir bringen sie unserer Tochter mit als Ostergeschenk.“
Das Hannele lauschte mit glücklichen Augen. „Das schönste aber ist“, fährt der Herr vort,“das Hannele nicht verunglückt ist, wie ich und meine Frau zuerst glaubten. Aber Blumen auf der Autostraße soll das Hannele nie mehr verkaufen müssen.“Dabei streicht er lächelnd über den Blondkopf des Mädelchens. Er wendet sich an den Vater Hanneles:“Ich kann ihnen für die Zukunft lohnende Arbeit verschaffen. Wir haben selbst ein Handarbeitsgeschäft und können handgewebte Sachen dort gut verkaufen.“
Da fassen sich Mutter und Vater an der Händen und lächeln sich zu.
Das Hannele aber jubelt:“Gelt, jetzt ist er mir doch erfüllt worden, mein Osterwunsch!“ Im selben Augenblick beginnen draußen im Dorfkirchlein die Glocken zu läuten: „Ostern, Ostern, fröliche Ostern.!“
